Zwischen Weihnachten und Neujahr gönnten Julia und ich uns eine Auszeit: Wir hatten ein unglaubliches Bedürfnis nach Ruhe, Natur und Einfachheit. Die vergangenen Monate und die Arbeit bei COMPROMISO waren sehr spannend aber auch sehr belastend. Dem Rat einer Freundin folgend fuhren mit dem Bus in den Golf von Uraba (Choco) der trotz seiner traumhaften Strände an der karibischen Küste eine vom Tourismus unberührte Region ist. Dort verbrachten wir traumhafte Tage am Meer, im Urwald, in einem Naturreservat, bei Wasserfällen…und in einfachsten Verhältnissen lebend.

Urabá chocoano
In dieser Woche haben wir viele Freundschaften geschlossen und uns wahrhaftig in diesen Landstrich an der Grenze zu Panama verliebt. Das Gebiet hat eine der grössten Artenvielfalten der ganzen Welt und es wimmelt von Affen, bunten Vögeln, Schlangen, Fröschen… Neben der Afrokolumbianischen Bevölkerung haben sich in der Region auch zahlreiche Aussteiger aus Medellín niedergelassen. So hat sich hier eine kleine sympathische Hippiegemeinde gebildet, deren Ziel die Konservation dieser natürlichen Vielfalt mittels Landkauf und Reservatbildung ist.
Wird die Bevölkerung auf den Konflikt angesprochen so versichern sie schnell dass hier alles ruhig sei. Eine heile Welt inmitten eines vom Krieg zerfressenen Landes?
Erst mit der Zeit haben wir gemerkt, dass es auch hier nur auf der Oberfläche friedlich ist. Einen Tag vor Weihnachten gehen wir an dem Strand spazieren als ein (amerikanischer) Kampfhubschrauber Typ Apache am Horizont auftaucht und mehrmals den Bergkamm überfliegt. Plötzlich wendet er und nimmt Kurs auf uns. Direkt über der Wasseroberfläche und nur 20 Meter von uns entfernt bleibt er in der Luft stehen und beobachtet uns mehrere Minuten lang. Total eingeschüchtert von diesem “Koloss des Todes” geben wir unsere Hilflosigkeit zu verstehen indem wir winken. Schliesslich wendet er sich ab und fliegt zurück zur Militärbasis (17. Brigade).
Auf nachfragen wird uns gesagt, dass sich scheinbar der Paramilitär Alias “Don Mario” in der Gegend herumtreibe. “Don Mario” ist ein 43 jähriger Drogenbaron und Partner der grössten mexikanischen Drogenkartelle. Im Rahmen des “Plan Colombia” und zur “Bekämpfung des Drogenhandels und des Terrorismus” hat die Regierung 1,5 Mio Dollar auf seine Verhaftung ausgeschrieben. Am 15. Oktober 2008 machte in der Region ein Pamphlet die Runde in der “Don Mario” die Entstehung der ‘Autodefensas Gaitanistas de Colombia’ ankündigte. Während schon der Name klar auf eine Verbindung zur “demobilisierten” AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) und auf deren Wiederbewaffnung hinweist, sprechen die Behörden von einer “terroristischen” Gruppe (siehe dazu der Artikel in el Espectador).
Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien schreibt dazu:
Paramilitärische Gruppen mit der Bezeichnung Autodefensas Gaitanistas de Colombia führen in verschiedenen Regionen des Landes Aktionen durch. In Urabá rufen sie einen bewaffneten Streik aus und erreichen praktisch die Lahmlegung der wirtschaftlichen Aktivitäten in Necocli, Chigorodó, Carepa und Turbo. 90% der für den Export produzierenden Bananenplantagen und der öffentliche Transport kommen zum Erliegen. Die Bezeichnung „Gaitanistas“ (A.d.Ü. in Anspielung an Jorge Eliecer Gaitán, dem 1948 ermordeten liberalen Politiker) scheint deshalb gewählt zu sein, um diesen paramilitärischen Gruppen einen „politischen“ Status zu geben.
Tatsächlich finden wir auf einem Stein - ganz unscheinbar neben dem Weg am traumhaften Strand - einen Schriftzug aufgesprayt:

Autodefensas Gaitanistas
Auch das folgende Bild - direkt aufgenommen von unserer Bleibe - hat einen unsichtbaren Schönheitsfehler: Das Boot gehört - laut Aussagen der Bewohner - der lokalen paramilitärischen Gruppierung die sich vor allem mit illegalem Holzschlag Gewinne verschafft.

Nach Weihnachten besuchen wir das Reservat, dessen rechtliche Grundlage der Bruder unseres Gastgebers vor etwa 20 Jahren fixiert hat. Seither kämpft er um den Erhalt des Regenwaldes in dem Gebiet und hat eine Art ökotouristisches und ökopedagogisches Zentrum auf einem einem Hügel etwa 2 Gehstunden vom Strand eingerichtet. Als wir die Pforten des Reservats öffnen fällt uns neben der wunderschönen Natur sogleich zerknickte Palmen und Bananenplantagen auf. Hier erfahren wir schliesslich, dass am 23. Dezember 4 Helikopter neben dem Reservats-Haus schwer bewaffnete Soldaten abgeseilt haben (einer dieser Helikopter hat uns damals am Strand überrascht). Die Männer seien in die Häuser eingedrungen und alles über den Haufen geworfen. Die Zerstörung, welche scheinbar der Wind der Rotoren angerichtet hat ist gewaltig:


Dass es zu einer Entschädigung der zerstörten Plantagen und Pflanzen kommt ist ausgeschlossen: Schliesslich befindet man sich im Krieg! Dass der Krieg uns so schnell wieder ins Gedächtnis gerufen wurde war hart, wähnten wir uns doch im Paradies…