Norte de B/Manga

Ende November haben wir Yolanda im Norden der Stadt besucht. In diesem Teil wohnt die Mehrheit der Bevölkerung, fast 80.000, allerdings ist es auch der ärmste Stadtteil mit einer hohen Zahl von Desplazados. Yolanda haben wir auf dem Taller in Barbosa/Medellin kennengelernt. Sie arbeitet im Rahmen des World Vision Programms, als eine von zwei “Madre comunitarias”, in dem Stadtteil. Ihre Aufgabe ist es die schwangeren Frauen und Kinder bis drei Jahren zu begleiten. Die Geschichte, die mit dem Ort an dem sie arbeitet verknüpft ist, stimmt einen nachdenklich.

Der “Club de Tiburónes” (Haifischclub) war bis 1993 eine privater Club, der von der Oberschicht Bucaramangas zur Freizeitgestaltung genutzt wurde. Das Gelände liegt an einem Hang und unter hohen Bäumen, die Schatten spenden, liegt ein großer Swimmingpool, Tennisplätze und ein Festsaal. Vor dem inneren Auge kann man sich das alles noch lebendig vorstellen. Nachdem der Club von einem Erdrutsch teilweise zerstört wurde, verkauften die Besitzer das Grundstück an die Empresa de Aseo de Bucaramanga S.A. E.S.P und langsam verfiel diese Anlage. Yolanda hat bis zum Verkauf als Sekretärin in diesem Club gearbeitet.

Im Jahr 2005, als der Club immer noch verlassen war, haben sich nach und nach Familien angesiedelt, die vor dem internen Konflikt, der in Kolumbien seit 40 Jahren herrscht, geflohen sind. Heute leben auf diesem Grundstück mehr als 200 Familien. Teilweise in den alten Gebäuden oder wie die Mehrheit in notdürftig aus Holz und Plastik zusammengezimmert Hütten. Während wir über das Gelände geführt werden, sehe ich den leeren Pool mit kleinen Häuschen drumherum. Ich versuche die Bilder, die ich in diesem Moment sehe, mit denen von der Vorstellung, wie es hier einmal ausgesehen hat, zu verbinden. Es gelingt mir nicht. Ich sehe eine Schar von Kindern, die um des Schwimmbecken laufen, Wäsche die auf Leinen im Wind flattert, irgendwo dröhnt ein Radio mit Vallenato. Bei einem Blick, den ich in einen der Räume werfen kann, sehe ich, wie die Räume noch mehrmals mit Pappe unterteilt sind.

Yolanda führt uns weiter zum “Kindergarten”. Mitlerweile arbeitet sie wieder im “Club de Tiburónes”, (madre comunitaria) diesmal jedoch in einem völlig anderen Kontext! Der Kindergarten besteht aus einem Raum in dem mindestens 30 Kinder auf dem Boden und dem einzigen Bett vor dem Fernseher sitzen.

Yolanda arbeitet schon seit einigen Jahren dort und hat sich das Vertrauen der Menschen dort erarbeitet. An fast jeder Tür bleibt sie stehen und redet kurz mit den Leuten, fragt sie wie es so geht und wünscht alles Gute. Es gibt nur eine handvoll Latrinen für diese vielen Familien und so steigen wir bei unserem Besuch über kleine Gräben, in denen die Abwässer fließen, um das Gelände näher zu betrachten. Einige Kinder sind uns gefolgt und fragen uns etwas schüchtern, ob wir was auf deutsch reden können. Als wir loslegen fangen alle an zu kichern und ich versuche diesen Moment in mir festzuhalten.

Die Situation der Desplazados in Kolumbien ist alarmierend. Mitlerweile gibt es fast 4 Mio. Vertriebene. Der Staat hilft nur sehr bedingt und oft nutzt er die Situation aus, um die Desplazados dann als Spitzel zu benutzen. Nachdem sie ihre Häuser, Tiere und ihr bisheriges vertrautes Leben hinter sich gelassen haben und in eine neue Stadt kommen, müssen sie häufig mit Vorurteilen und Ablehnung kämpfen.

Vor dem Gesetz sind die Binnenvertriebenen nicht dem Satus eines Flüchtlings zuzuordnen und fallen somit nicht unter den Schutz internationaler Konventionen. Sie trifft es sozusagen doppelt schwer. Der UNHCR ist mit einem Büro in Kolumbien vertreten und versucht sich für die Rechte der Betroffenen einzusetzen.

Auf dem Rückweg laufen wir an dem ehemaligen Festsaal vorbei, in dem mitlerweile knapp 40 Familien wohnen. Ein Bett reiht sich neben das andere und in dem einen Bett schläft eine ganze Familie. Auf dem Boden fällt dem Fotografen Andy eine alte Verpackung auf, die treffender bzw. ironischer nicht hätte sein können…

"Vive sin límites" (Lebe ohne Grenzen)

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