Der weite Schatten der Ölpalme in Kolumbien

Ein Arbeiter auf der Palmölplantage von San Alberto.

Ein Arbeiter auf der Indupalma Palmölplantage von San Alberto.

Der ebenso kometenhafte wie fragwürdige Anstieg der Produktion von Agrotreibstoff äussert sich in Kolumbien hauptsächlich durch die fortschreitende Expansion der Palmölplantagen (COMPROMISO MEDIOS berichtete im Beitrag “Kein Brot für Öl“). In meiner ersten Woche als Praktikant bei Compromiso hatte ich bereits die Gelegenheit an einem Forum betroffener Gemeinschaften teilzunehmen. Das “Encuentro Regional de Comunidades Palmeras” setzte sich zum Ziel Auswege aus der durch den Ölpalmenanbau verursachten Misere zu finden und fand vom 3. bis 4. Juli in der Gemeinde San Alberto im Departament Santander statt.

Zusammen mit einer etwa zwanzigköpfigen Delegation bestehend aus Gewerkschaftern, Menschenrechtsaktivisten und Studenten trat ich in aller Herrgottsfrühe die dreistündige Busfahrt nach San Alberto an. Vom urbanen Bucaramanga aus schlängelte sich der Bus immer tiefer hinein ins tropische Herz von Santander. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um zu Verstehen, weshalb die hiesige Erde schon immer dermassen hart umkämpft war und so unglaublich viel Leid, Tod und Zerstörung über seine Bewohner gebracht hat: Die Natur droht die Menschen samt ihren Häusern und Strassen richtiggehend zu verschlingen. Alles ist grün und blüht, spriest, wächst, schnellt gen Himmel. Wer hier sät, der erntet.

In San Alberto sät schon seit Jahrzenten der kolumbianische Konzern Indupalma. Er scheint das ganze Städtchen erbauen und das Leben seiner Bewohner über Generationen geprägt zu haben. Ihr Leben lang schufteten die Männer San Albertos für Indupalma, pflückten in mühseliger Handarbeit und in sengender Hitze die begehrten Früchte von den Palmen, schleppten die roten Beeren kilometerweit und tonnenweise zur Raffinerie. Indupalma im Gegenzug bezahlte ihnen Lohn und Rente, konstruierte ihren Kindern Spielplätze und Schulen, erbaute ihren Familien ganze Wohnviertel. Aus den Palmfrüchten wurde Palmöl, und das Palmöl verwandelte sich in irgendwelchen Fabriken in Bogotá oder im Ausland wie durch Zauberhand zu Margarine, Süssigkeiten, Waschmitteln, Seife, Kosmetika oder eben Biotreibstoff. Lange Zeit schien dieses Model für alle Beteiligten zufriedenstellend zu funktionieren: Indupalmas Aktionäre wurden reich und die Mitarbeiter hatten genug zum Leben, waren gewerkschaftlich organisiert und verfügten über Gesamtarbeitsverträge. Sie waren nicht mehr nur einfache Bauern sondern bezahlte Arbeiter mit Sozialversicherungen.

"Mit der Palme wächst das Land und wir alle." - Indupalma

In den Neunzigerjahren, die Konzernleitung im fernen Bogotá war mittlerweile in Schieflage geraten und klagte über mangelnde Rentabilität, wendete sich das Blatt. Indupalma entlässt Mitarbeiter, kündigt die Gesamtarbeitsverträge. Die Gewerkschaft setzt sicht zur Wehr und wird zerschlagen - ihre Führungspersonen ermordet, die Mitglieder eingeschüchtert. Der Konzern weist seine ehemaligen Angestellten an, sich zukünftig in Arbeiterkooperativen zu maximal 20 Personen zu organisieren. Diese bezahlt sie im Akkord, pro eingesammelte Tonne Palmfrucht. Davon bezahlt die Kooperative die Sozialversicherungen ihrer Arbeiter, kauft Werkzeuge und organisiert den Transport zur Plantage. Übrig bleibt für den Arbeiter im besten Fall ein Mindestlohn, in der Regel aber nicht genug zum Leben. Auch mit seinen Pensionären geht Indupalma unzimperlich um. Ein Greis erzählt uns, er habe 35 Jahre für Indupalma gearbeitet. Doch seit seiner Pensionierung wird er sukszessive um einen Grossteil seiner Rente betrogen, einfach nicht ausbezahlt. Der Mann zog vor Gericht, doch schon wenig später kam es zu einer aussgerichtlichen Einigung der kolumbianischen Art: Indupalma schmierte die Anwälte des Mannes und diese rührten fortan keinen Finger mehr, die Klage kam zum Erliegen.

Wie der alte geprellte Mann, erhoffen sich an diesem feuchten, heissen Freitagmorgen noch viele andere Menschen aus der Region Antworten auf ihre Fragen, Gerechtigkeit oder zumindest einen Schimmer Hoffnung. Von weither waren sie angereist, meist einfache Bauern oder Plantagenarbeiter und nun standen sie alle vor dem - durch Indupalma erbauten - Gemeindesaal und warteten im Schatten auf den Beginn der ersten Vorträge. Meine Kollegen erklärten mir in der Zwischenzeit den Compromiso-Sicherheitskodex: “Wenn Du Schüsse hörst, leg dich auf den Boden und halte die Hände über den Kopf. Renne nie davon und wenn du es doch tust, dann immer im Zick-Zack Kurs. Und fährt eine Limousine mit verdunkelten Scheiben und ohne Nummernschild vorbei, so schaue besser weg.” Ich nicke und kann mir nicht vorstellen, dass in diesem durch Hitze und Feuchtigkeit gelähmten, geradezu apathischen San Alberto geschossen wird.

Arbeitsgruppe am “Encuentro Regional de Comunidades Palmeras”

Arbeitsgruppe am “Encuentro Regional de Comunidades Palmeras”

Das Forum beginnt - trotz allem - mit der kolumbianischen Nationalhymne. Die Atmosphäre ist entspannt, draussen kräht ein Hahn, jemand spielt Trompete, der Saal ist mit farbigen Ballonen geschmückt und Frauen verteilen Tinto, schwarzer stark gezuckerter kolumbianischer Kaffee. Die angereisten Plantagenarbeiter veranschaulichen uns nun nun die Kehrseite der Medaille des Agrotreibstoffbooms. Sie erzählen von den sklavenartigen, feudalen Zuständen auf den Plantagen, den miesen leistungsabhängigen Löhnen, den zurückgehaltenen Gehältern, der Mangelernährung, dem fehlenden Zugang zu Bildung und Medizin. Sie erzählen von den Pestizidien, welchen sie schutzlos ausgeliefert sind und welche ihre Kinder vergiften, dem unstillbaren Durst der Palme , welchem die Gewässer zum Opfer fallen, dem Waldsterben, der Bodenerosion, dem Artensterben, der Klimaerwärmung. Und nicht zuletzt erzählen sie von den systematischen und seit Jahrzehnten währenden Morden an ihren Gewerkschaftsführern, den Vertreibungen, dem spurlosen Verschwinden von Familienvätern.

Zerschossene Pestizidienwarnung vor einer Ölpalme.

Peligro - Pestizidienwarnung vor einer Ölpalme

Es ist kein schönes Bild, welches sie zeichnen und hat nicht viel gemeinsam mit der Vergötterung der Ölpalme durch die Regierung Uribe, welche den Agrotreibstoff und die Monokulturen als heilbringendes Mittel zur wirtschaftlichen Entwicklung Kolumbiens im westlichen Stile sieht. Ohne Rücksicht auf Verluste werden die Plantagen ausgedehnt, die Palmölproduktion subventioniert und private globale Investoren angezogen. Die steigenden Palmölexporte sollen den Import von Nahrungsmittel und anderen Gütern finanzieren. Es ist das längst überholte Model der lateinamerikanischen Exportwirtschaften des zwanzigsten Jahrhunderts, ideologisch legitimiert durch das neoliberale Paradigma des Comparative Advantage, welchem die kolumbianische Regierung nach wie vor die Stange hält. Sie verhält sich somit ganz im Sinne der westlichen Hemisphäre, welche heute wie früher ihren Bedarf nach billigen Rohstoffen in Lateinamerika, Afrika und Asien zu befriedigen sucht. Was früher die unstillbare Gier der spanischen Kolonisatoren nach Edelmetallen ist heute der europäische und nordamerikanische Durst nach vermeintlich sauberen erneuerbaren Treibstoffen und die westliche Illusion der Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen bei gleichbleibendem Verbrauch und Wachstum. Untermauert wird diese Politik durch Subventionen und Richtlinien. So will die EU bis 2020 einen Anteil von 20% der Agrotreibstoffe am Treibstoffgesamtverbrauch erreichen.

In San Alberto lässt sich leicht ausmachen, wer den Preis dieser schizophrenen Energiepolitik bezahlt. Am zweiten Tag des Forums lerne ich den Indupalma-Angestellten Juan kennen, welcher sich bereit erklärt mich auf seinem Motorrad zur Plantage zu fahren. Ohne Helm tuckern wir durch die von Schlaglöchern und Steinen zersetzten Strassen San Albertos, dessen apathisch auf Schauckelstühlen vegetierenden Bewohner uns nachstarren. Einmal kreuzen wir eine Limousine: Getönte Scheiben, kein Nummernschild. Wir blicken zur Seite. Dann brettern wir mit hundert Sachen über die Panamericana und da erblicke ich sie nun zum ersten mal mit eigenen Augen: Palmen, soweit das Auge reicht nur noch Palmen. Sie lassen keinen Platz für Anderes, ihre Blätter bilden ein sonnenundurchlässiges Dach. Wir betreten jetzt Indupalma-Land. Inmitten der Plantage halten wir an. Überall Schilder, welche vor den tödlichen Pestizidien warnen, doch keiner hier trägt Schutzkleidung, geschweige den Atemschutz. Wir reden mit einem Arbeiter, der sich als Thomas vorstellt und uns von der zwölfstündigen Schichtarbeit erzählt.  Immer um sechs Uhr Abends ist Ablösung, rund um die Uhr wird gearbeitet. Sein Werkzeug ist eine speerähnliche Schaufel, welche er unaufhörlich und auf Kopfhöhe in die Palme rammt, um sich Zugang zur wertvollen Palmfrucht zu verschaffen. Auf einer riesigen gerodeten Fläche in der Nähe werden Ölpalmen-Setzlinge gezüchtet. Die Nachfrage ist gewaltig, überall wird gesät. Frauen mit riesigen Sombreros schleppen, setzen und graben unter der brennenden Sonne. Ich schiesse gerade Fotos als Juan plötzlich nervös wird und meint, dass wir uns besser aus dem Staub machen. Auf mein Zögern und Nachfragen hin meint er: “Ich empfehle Dir, dass wir gehen”. Wir brausen davon.

Setzlinge noch und nöcher. Die Expansion geht weiter.

Setzlinge noch und nöcher. Die Expansion geht weiter.

Zurück am Forum in San Alberto treffen die Teilnehmer gerade Massnahmen um dem Treiben der Palmölkonzerne nicht mehr länger tatenlos zuzuschauen. Sie beschliessen juristisch gegen die Verletzungen des Arbeitsrecht und die Zerstörung der Umwelt vorzugehen, sich trotz der Zersplitterung in Arbeiterkooperativen wieder gemeinsam zu organisieren sowie eine nationale Kommission zu gründen, welche die Interessen aller Palmölarbeiter Kolumbiens vertritt. Noch steckt der Widerstand gegen die Monokulturen in den Kinderschuhen, noch sind es wenige, welche sich zusammenschliessen um zu Handeln, doch es ist ein Anfang um aus dem weiten und dunklen Schatten zu Treten, welcher die Ölpalme in Kolumbien wirft.

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