Luis und Luis, die zwei ermordeten Gewerkschafter Barrancabermejas

Während die Schweiz vor der Ratifizierung eines Freihandelsabkommens mit Kolumbien steht, Bundesrätin Doris Leuthard den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe in Bogotá für seine Politik der “demokratischen Sicherheit” lobt und bürgerliche Nationalräte eine Verbesserung der Menschenrechtslage durch “intensivere Handelsbeziehungen” erzielen wollen, legen ausgerechnet die USA, wichtigster Verbündeter Kolumbiens, den Abschluss eines Freihandelsabkommens auf Eis. Solange das systematische Morden, Vertreiben und Bedrohen von Gewerkschaftern anhält, so die Obama-Administration, ist nicht an Ratifizierung zu denken.

Seit 1986 wurden in Kolumbien über 2′500 Gewerkschafter ermordet und der Mord an zwei Aktivisten der Busfahrergewerkschaft Sincontrainder im Jahre 2001 reiht sich ein in diese unheimliche Serie. Warum müssen einfache Busfahrer, Familienväter, ihr Leben lassen für so triviale Forderungen wie Arbeitsverträge, Lohnerhöhungen oder eine Krankenversicherung? Ich begleite einen Anwalt und eine Psychologin der Corporación Compromiso nach Barrancabermeja, Ort des Geschehens.

Barrancabermeja ist mit seinen 300′000 Einwohnern für kolumbianische Verhältnisse eine Kleinstadt und besiedelt wurde sie erst 1922. In Barranca, wie die Stadt von ihren Bewohnern der Kürze halber genannt wird, plätschert das Leben so vor sich hin. Die unmenschliche Hitze, 40 Grad Celsius im Schatten zeigt das Thermometer an warmen Tagen, bewegt die Barramejos dazu die Dinge “poco a poco”, eins nach dem anderen, anzugehen. Manch einer nutzt während den ersten Stunden des Tages die Milde der noch tiefstehenden Sonne, um sich aus seinem einstöckigen Haus zu schleppen und sich für den Rest des Tages auf einem Schauckelstuhl im Patio oder im Schatten eines der zahlreichen Bäume zu installieren. Andere wiederum lassen sich gleich in einer der zahlreichen Tavernen am Ufer des Rió Magdalena nieder, wo sie sich dem Genuss eiskalt gekühlter Cerveza hingeben und wo schon um neun Uhr morgens respektable Mengen Altglas die Tische zieren.

Es ist schön, so durch Barranca zu schlendern, der Klang melancholischen Vallenatolieder im Ohr und nur wenige Gedanken im durch Hitze und Hopfen belämmerten Kopf. Es ist schön, so dem Schatten nach zu schleichen, mit den herzlichen Bewohnern zu schwatzen, einem fliegenden Händler eine frische Mango abzukaufen. Man würde nichts böses denken, würden einem nicht Blackhawks der kolumbianischen Luftwaffe über den Kopf hinweg donnern, würde nicht schwarzer Rauch aus Kaminen so hoch wie Wolkenkratzer den blauen wolkenlosen Himmel verdunkeln. Barrancabermeja ist auch bekannt als “la capital del Oro Negro”, die Hauptstadt des schwarzen Goldes. Die Stadt macht keinen Hehl aus ihrer Abhängigkeit vom fossilen Brennstoff: Bekannteste Sehenswürdigkeit ist der “Cristo petrolero”, der Erdöl-Christus, ein Monument Jesus Christus, ganz dem Erdöl gewidmet. Auf den saftigen Feldern rund um die Stadt sieht man sie gleich zu Dutzenden, die gelben geierhaften Ölpumpen des staatlichen Energiekonzern Ecopetrol, welche inmitten weidender Büffel das Erdöl aus den Tiefen der kolumbianischen Erde pumpen. In der Stadt dann befindet sich sich die grösste Raffinerie des Landes, in der das Rohöl zu Benzin verarbeitet wird, bevor es über den Rió Magdalena in die grossen Häfen der Karibikküste gelangt, wo es nach Europa oder in die Vereinigten Staaten verschifft wird und sich endgültig in harte Devisen verwandelt. Devisen, welche Fluch und Segen gleichermassen bedeuten. Segen für einige wenige, welche sich zumeist in der Konzernzentrale in Bogotá befinden. Fluch für viele, namentlich die Bewohner Barrancas, die sich jahrzehntelang zwischen den Fronten von Guerilla, Paramilitärs und Armee wiederfanden, mitten in einem blutigen Krieg um die Kontrolle der ressourcenreichen und geopolitisch wichtigen Stadt.

Nur wenige sichtbare Narben zeugen heute von diesem Krieg. Graffitis an den Wänden zum Beispiel, oder das Denkmal des marxistischen Priesters Camilo Torres, welches nur noch “el descabezado”, der Enthauptete, genannt wird: Eine Gruppe Paramilitärs sprengte dem Monument noch am Tage der Einweihung den Kopf weg. Heute ist der Krieg zu Ende in Barrancabermeja, die unheilvolle Allianz zwischen Paramilitärs und Staat scheint ihn für sich entschieden zu haben. Doch Ruhe ist damit nur an der Oberfläche eingekehrt.

Im kleinen fensterlosen Büro der lokalen Busfahrergewerkschaft Sincontrainder steht die Zeit still. An der Decke surrt gemächlich ein Ventilator. Das grelle Neonlicht flackert im Gleichschritt mit der Rotation des Propellers. Eine Uhr, welche schon lange zu ticken aufgehört hat, ziert die lachsfarbene Wand, gleich neben einem Camilo Torres Kalender aus den Neunzigerjahren. Hinter dem Bürotisch des Präsidenten hängen die Portraits von sieben Männern, stilisiert wie Heilige, gemalt mit Öl auf hellblauen Hintergrund. Es sind die Portraits sechs einfacher Busfahrer Barrancas, welche ihr Leben liessen, erschossen wurden, im Kampf der Gewerkschaft für einen würdigen Arbeitsplatz. Die anhaltenden Drohungen, Vertreibungen, den Tod ihrer Freunde sieht man Edgar, Rafael und Jose auf den ersten Blick nicht an. Die drei älteren Herren lümmeln auf roten Plastikstühlen rum, scherzen, lachen, diskutieren lauthals. Ihre Gäste behandeln sie wie Könige. Erst als wir auf den Mord an ihren sieben Kamaraden zu sprechen kommen, verstummen sie, blicken zu Boden. Rafael, der Schatzmeister, zieht seine Brille ab, wischt sich den Schweiss von der Stirne und seufzt: “Seit unserer Gründung versuchen sie uns auszulöschen”. Sie, das sind die Geschäftsführer des lokalen Transportunternehmen San Silvestre, dessen Busetas, alte stinkende Kleinbuse japanischer Produktion, auf den Strassen von Barranca allgegenwärtig sind und fast den gesamten öffentlichen Verkehr Barrancas bewältigen.

Wir schreiben das Jahr 2001 und Barranca befindet sich vollständig unter Kontrolle der rechtsgerichteten paramilitärischen Gruppierung AUC (Autodefensas Unidas de Colombia). Die AUC treibt Steuern ein, regelt den Verkehr, schlichtet Ehestreitigkeiten, schaltet und waltet wie es ihr beliebt. Wer in Barranca Geschäfte machen will kommt nicht an der AUC vorbei. Vielen Unternehmen kommt die Präsenz der hochgerüsteten Verbrecherbande nicht ungelegen. Sie nutzen die Gunst der Stunde um mit alten Feinden abzurechen.  So auch San Silvestre, welche bei seinen Busfahrern schon bald tägliche Beiträge für “freiwillige Ersparnisse” einfordert. Ersparnisse welche in Form von Schutzgeldzahlungen an die AUC gelangen. Als die Paramilitärs Anfangs Oktober ein grosses regionales Treffen einberufen hilft San Silvestre noch so gerne aus und stellt eine Flotte von zwanzig Bussen zur Verfügung, welche Paramilitärs aus der gesamten Gegend zum Verbrechertreff fahren.

Zur selben Zeit nehmen die Spannungen zwischen Gewerkschaft und Unternehmen zu. Die Gewerkschaftsmitglieder verweigern die Bezahlung der “Vacuna”, Impfung, wie die Schutzgeldzahlung in Kolumbien gennant wird. Das Unternehmen im Gegenzug will die Störefriede endlich loshaben, denn die achtzehn Mitglieder sind die letzten verbleibenden Angestellten mit unbefristetem Arbeitsvertrag. Die restlichen über hundert Mitarbeiter wurden hingegen längst, wie es überall in Kolumbien zur traurigen Regel wurde, in schlecht bezahlte, zerstückelte Arbeiterkooperativen ohne Sozialleistungen ausgelagert. San Silvestre versucht deshalb die Gewerkschafter durch Bestechung, Einschüchterungen und juristische Tricks zur freiwilligen Kündigung zu bewegen. Ohne Erfolg. Am 13. Oktober 2001 eskaliert der Streit, als der Geschäftsführer ein Treffen mit der Gewerkschaft platzen lässt und unauffindbar bleibt. Der Präsident der Gewerkschaft Luis Alberto Lopez Plata und sein  Schatzmeister Luis Manuel Anaya Aguas wissen sich nicht mehr anders zu helfen und hindern die Sekräterin am Verlassen des Büros, solange bis der Geschäftsführer endlich zu den Verhandlungen erscheint.

Drei Tage später, um sieben Uhr in der Früh, Luis Amayas Frau und seine vier Kinder sitzen noch am Frühstückstisch, hallen zwei Schüsse durchs Viertel im Nordwesten Barrancas. Luis Amaya wird auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Nur drei Tage später, Luis, der Schatzmeister war kaum zu Grabe getragen, ereilt Luis, den Präsidenten und ebenfalls vierfacher Familienvater, das selbe Schicksal. Mit seiner Frau will er einkaufen gehen, wird von zwei maskierten Männern angehalten, seine Frau gezwungen vom Motorrad zu steigen und er selbst mit zwei Schüssen in den Kopf getötet. Seine Frau möchte die Polizei rufen, doch keiner der durch die Schüsse aufgeschreckten Nachbarn lässt sie das Telefon nutzen. “No puedo”, lautet die Antwort - ich kann nicht

Der Doppelmord erregt im Barranca des Jahres 2001 nur wenig Aufmerksamkeit und im Kolumbien des einundzwanzigsten Jahrhunderts überhaupt keine. Der Mord an den zwei Busfahrern von Barranca reiht sich ein in die unfassbare Serie von über 2′500 Morden an Gewerkschaftern, was Kolumbien zum gefährlichsten Land für Arbeitnehmervertreter überhaupt macht: 60% aller weltweiten Morde an Gewerkschaftler werden in Kolumbien begannen. Im Inland wird das systematische Morden totgeschwiegen: Bis heute findet der Mord an den beiden Luis keinerlei Erwähnung in der hiesigen Presse, nicht eine einzige Randnotiz.

Das Aussergewöhnliche an dem Fall der beiden Gewerkschafter ist ironischerweise der Fakt, dass es überhaupt zur Anklage, zu einem Gerichtsverfahren und zur Verurteilung einiger weniger Schuldigen kam. Ein kleines Wunder, beträgt die Straflosigkeitsrate bei Morden an Gewerkschaftern doch 97%. Der Prozess entwickelte sich schleppend und kam eher zufällig ins Rollen.

Gleich nach seinem Amtsantritt im Jahre 2002 startet Präsident Álvaro Uribe Verhandlungen über die Demobilisierung paramilitärischer Gruppierungen. Durch Strafminderung im Rahmen der “Ley de Justicia y Paz”, des Gesetzes Gerechtigkeit und Frieden (COMPROMISO MEDIOS berichtete im Beitrag “Justicia y Paz - Demobilisierung im Namen der Gerechtigkeit?“), ermutigt er die Paramilitärs zur Entwaffnung und zum Geständnis ihrer Verbrechen. Diese Geständnisse im Rahmen der Ley de Justicia y Paz nennen sich “versión libre”, freie Version, und entsprechend ist ihr Wahrheitsgehalt einzuschätzen.
Die AUC tritt noch 2003 in den Demobilisierungsprozess ein und die Mörder von Luis Anaya und Luis Lopez, kleine Fische, gestehen die Tat. Sie sind die materiellen Täter, doch wer steckt dahinter, wer sind die Drahtzieher? In ersten Aussagen reden die Täter davon, von höchster AUC-Instanz und von den San Silvestre Geschäftsführer selbst den Auftrag erhalten zu haben “die Busfahrergewerkschaft auszulöschen”. Sechs verdächtige Hintermänner, allesamt Teilhaber von San Silvestre werden festgenommen. In der versión libre wechseln die Täter ihr Motiv: Bei den Morden handle es sich um simple Erpressungsdelikte, lautet nun die Aussage. Die Absicht der Mörder ist offensichtlich jegliche Verwicklung des Unternehmens San Silvestre und höherer Kader der AUC zu verheimlichen.

Im Jahre 2005 werden die materiellen Täter zu zeahnjähriger Haftstrafe verurteilt, während die Drahtzieher, die intellektuellen Täter, nach einem weiteren Verfahren im April 2009 freigesprochen werden. “In dubio pro reo”, verkündet die Urteilsschrift, im Zweifel für den Angeklagten. Die Anwälte Compromisos, welche die Gewerkschaft vertreten, legen Berufung ein und so wird der Prozess in eine weitere letzte Runde gehen, bevor das definitive Urteil gefällt wird, wohl erst im nächsten Jahr, keiner weiss es so genau. Die Bedrohungen aber gehen weiter, so oder so. Erst im April dieses Jahres wurde die Witwe Luis Anayas, selbst Gewerkschaftsführerin, vor ihrer Haustüre von einem maskierten Mann bedroht. Nur Träumer rechnen damit, dass es irgendwann zu einer Verurteilung der Hintermännern, den wahren Urhebern des Terrors gegen die Gewerkschaft Sincontrainder, kommt. Und geträumt wird schon lange nicht mehr, im fensterlosen Büro der Busfahrergewerkschaft Barrancabermejas.

Als wir aus dem Büro treten, hinaus auf den lauten, lebendigen Boulevard, bricht gerade die Nacht herein über Barranca. Der eben noch blaue Himmel färbt sich erst rot ehe er sich ganz verdunkelt und die schwarzen Kampfhubschrauber, den schwarzen Rauch gänzlich verschluckt - die Illusion vom sorgenfreien Barranca wird für einige Stunden Wirklichkeit. Vom Inferno des Tages befreit, erheben sich die Barramejos aus ihren Schauckelstühlen und Tavernen, strömen auf die Strassen, feiern, lachen, tanzen und trinken in einem ekszessiven Taumel voller Lebensfreude - als wäre es ihre letzte Nacht. Gegen Mitternacht fährt ein LKW-Konvoi durch die Stadt. Die mit Blumenbouquets geschmückten Lastwagen hupen an gegen den Lärm der Feiernden, wirken wie Botschafter aus einer anderen Welt. Sie zelebrieren die Feierlichkeiten zum Tage der Virgen del Carmen, der Schutzheiligen der Bus-, LKW- und Taxifahrer Kolumbiens. Man hofft, dass sie sich in Zukunft besser um ihre Schützlinge in Barrancabermeja kümmern möge.

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