Trügerisches Paradies

18. Januar 2009

Zwischen Weihnachten und Neujahr gönnten Julia und ich uns eine Auszeit: Wir hatten ein unglaubliches Bedürfnis nach Ruhe, Natur und Einfachheit. Die vergangenen Monate und die Arbeit bei COMPROMISO waren sehr spannend aber auch sehr belastend. Dem Rat einer Freundin folgend fuhren mit dem Bus in den Golf von Uraba (Choco) der trotz seiner traumhaften Strände an der karibischen Küste eine vom Tourismus unberührte Region ist. Dort verbrachten wir traumhafte Tage am Meer, im Urwald, in einem Naturreservat, bei Wasserfällen…und in einfachsten Verhältnissen lebend.

Urabá chocoano

Urabá chocoano

In dieser Woche haben wir viele Freundschaften geschlossen und uns wahrhaftig in diesen Landstrich an der Grenze zu Panama verliebt. Das Gebiet hat eine der grössten Artenvielfalten der ganzen Welt und es wimmelt von Affen, bunten Vögeln, Schlangen, Fröschen… Neben der Afrokolumbianischen Bevölkerung haben sich in der Region auch zahlreiche Aussteiger aus Medellín niedergelassen. So hat sich hier eine kleine sympathische Hippiegemeinde gebildet, deren Ziel die Konservation dieser natürlichen Vielfalt mittels Landkauf und Reservatbildung ist.

Wird die Bevölkerung auf den Konflikt angesprochen so versichern sie schnell dass hier alles ruhig sei. Eine heile Welt inmitten eines vom Krieg zerfressenen Landes?

Erst mit der Zeit haben wir gemerkt, dass es auch hier nur auf der Oberfläche friedlich ist. Einen Tag vor Weihnachten gehen wir an dem Strand spazieren als ein (amerikanischer) Kampfhubschrauber Typ Apache am Horizont auftaucht und mehrmals den Bergkamm überfliegt. Plötzlich wendet er und nimmt Kurs auf uns. Direkt über der Wasseroberfläche und nur 20 Meter von uns entfernt bleibt er in der Luft stehen und beobachtet uns mehrere Minuten lang. Total eingeschüchtert von diesem “Koloss des Todes” geben wir unsere Hilflosigkeit zu verstehen indem wir winken. Schliesslich wendet er sich ab und fliegt zurück zur Militärbasis (17. Brigade).

Auf nachfragen wird uns gesagt, dass sich scheinbar der Paramilitär Alias “Don Mario” in der Gegend herumtreibe. “Don Mario” ist ein 43 jähriger Drogenbaron und Partner der grössten mexikanischen Drogenkartelle. Im Rahmen des “Plan Colombia” und zur “Bekämpfung des Drogenhandels und des Terrorismus” hat die Regierung 1,5 Mio Dollar auf seine Verhaftung ausgeschrieben. Am 15. Oktober 2008 machte in der Region ein Pamphlet die Runde in der “Don Mario” die Entstehung der ‘Autodefensas Gaitanistas de Colombia’ ankündigte. Während schon der Name klar auf eine Verbindung zur “demobilisierten” AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) und auf deren Wiederbewaffnung hinweist, sprechen die Behörden von einer “terroristischen” Gruppe (siehe dazu der Artikel in el Espectador).

Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien schreibt dazu:

Paramilitärische Gruppen mit der Bezeichnung Autodefensas Gaitanistas de Colombia führen in verschiedenen Regionen des Landes Aktionen durch. In Urabá rufen sie einen bewaffneten Streik aus und erreichen praktisch die Lahmlegung der wirtschaftlichen Aktivitäten in Necocli, Chigorodó, Carepa und Turbo. 90% der für den Export produzierenden Bananenplantagen und der öffentliche Transport kommen zum Erliegen. Die Bezeichnung „Gaitanistas“ (A.d.Ü. in Anspielung an Jorge Eliecer Gaitán, dem 1948 ermordeten liberalen Politiker) scheint deshalb gewählt zu sein, um diesen paramilitärischen Gruppen einen „politischen“ Status zu geben.

Tatsächlich finden wir auf einem Stein - ganz unscheinbar neben dem Weg am traumhaften Strand - einen Schriftzug aufgesprayt:

Autodefensas Gaitanistas

Autodefensas Gaitanistas

Auch das folgende Bild - direkt aufgenommen von unserer Bleibe - hat einen unsichtbaren Schönheitsfehler: Das Boot gehört - laut Aussagen der Bewohner - der lokalen paramilitärischen Gruppierung die sich vor allem mit illegalem Holzschlag Gewinne verschafft.

Nach Weihnachten besuchen wir das Reservat, dessen rechtliche Grundlage der Bruder unseres Gastgebers vor etwa 20 Jahren fixiert hat. Seither kämpft er um den Erhalt des Regenwaldes in dem Gebiet und hat eine Art ökotouristisches und ökopedagogisches Zentrum auf einem einem Hügel etwa 2 Gehstunden vom Strand eingerichtet. Als wir die Pforten des Reservats öffnen fällt uns neben der wunderschönen Natur sogleich zerknickte Palmen und Bananenplantagen auf. Hier erfahren wir schliesslich, dass am 23. Dezember 4 Helikopter neben dem Reservats-Haus schwer bewaffnete Soldaten abgeseilt haben (einer dieser Helikopter hat uns damals am Strand überrascht). Die Männer seien in die Häuser eingedrungen und alles über den Haufen geworfen. Die Zerstörung, welche scheinbar der Wind der Rotoren angerichtet hat ist gewaltig:

Dass es zu einer Entschädigung der zerstörten Plantagen und Pflanzen kommt ist ausgeschlossen: Schliesslich befindet man sich im Krieg! Dass der Krieg uns so schnell wieder ins Gedächtnis gerufen wurde war hart, wähnten wir uns doch im Paradies…

Coca, Coca Cola y Cocaina

18. Januar 2009

Endlich posten wir unser Kurzvideo von der Teilnahme an der Veranstaltung “Coca, Coca Cola y Cocaina” am 18.10.2008 an der Universidad Nacional (Bogotá) auf COMPROMISO MEDIOS.

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Durch wichtige Repräsentanten der Nasa-Indígenas werden wir in den Coca-Kult eingeführt. Sie erläutern uns die medizinische, religiöse und soziale Bedeutung des Coca-Blattes in ihrem Alltag. Coca heilt und dient als vitaminreiches (Über-) Lebensmittel, welches Müdigkeit und Kälte bei der Arbeit abhält.

Dann kommt der Übergang zum Coca Cola…vom “heilenden Inhalt” bis zur Distanzierung vom verteufelten Blatt. Von den Trademark-Kriegen gegen die Indígenas bis zu den Morden an Gewerkschaftern durch paramilitärische Gruppen.

“Drogenmissbrauch” ist ein Wort, das es in der Sprache der Nasa nicht gibt. Erst die Logik der kapitalistischen Ausbeutung und der Prohibition haben dieses Wort geschaffen. Die Gewalt, die durch den Handeln mit Kokain entstanden ist, macht ein gewichtiger Teil des Bürgerkriegs in Kolumbien seit den 80er Jahren aus. Die Kosten der Abwehr (USA, Mexiko, Europa) sind immens. Kolumbien ist neben Israel der höchste Empfänger an US-amerikanischer Militärhilfe. Der Plan Colombia bzw Plan Patriota ist ein Abkommen zwischen den USA und Kolumbien, das in erster Linie der Drogenbekämpfung dient. Gebracht haben die Milliarden an Dollar wenig: Heute werden (wie auch im Jahre 2000) immer noch 600 Tonnen Kokain exportiert (wobei ca. 50% in den südlichen Provinzen Nariño und Putumayo angebaut werden). Was bleibt ist die Militarisierung des Landes. Überall stehen schwer bewaffnete Soldaten. Sie sind zur Sicherheit der Bürger da, heisst es. Klar, schliesslich besuche ich ein Land wo auf 100 Einwohner 8 Schusswaffen kommen und jährlich 18′000 Menschen ermordet werden. Doch ist Militarisierung (mit der Folge, dass das Militär zusammen mit paramilitärischen Gruppen oft Hauptakteur bei Massakern ist) ein Lösung?

Was nach der Präsentation blieb, sind die Fragen: Wie kann man dem Drogenhandel Herr werden, ohne ein Verbot des Kokaanbaus? Wo ist die Grenze zwischen “Gebrauch” und “Missbrauch”? Was kann gegen die Musealisierung der indigenen Kultur gemacht werden?

CIA Bericht bestätigt Informationen kolumbianischer Menschenrechtsorganisationen: Verbindungen der Paramilitärs mit dem Militär beim CIA seit 1994 aktenkundig

09. Januar 2009

Geheimdienstberichte in den USA freigegeben

Keine Überraschung bieten die Informationen jüngst freigegebener US-Geheimdienstberichte nach Einschätzung der Organisation kolko e.V. Seit vielen Jahren prangern Menschenrechtsorganisationen die engen Verbindungen zwischen Paramilitärs und den staatlichen Streitkräften in Kolumbien an. “Wir begrüßen es, dass diese Informationen der CIA nun öffentlich sind. Die Informationen der Berichte überraschen bei Menschenrechtsorganisationen allerdings niemanden. Es war außerdem undenkbar, dass die Verbindungen zwischen Paramilitärs und Streitkräften dem US-Geheimdienst verborgen geblieben sind.” so die Kolumbienexpertin Alexandra Huck von kolko e.V. “Die freigegebenen Berichte bestätigen, dass außergerichtliche Hinrichtungen schon seit langem durch die Beförderungspraxis der Streitkräfte begünstigt werden.” so Alexandra Huck weiter.

Die U.S.-amerikanische Nicht-Regierungsorganisation “National Security Archive” hat am Mittwoch Dokumente von US-Behörden öffentlich gemacht. Diese wurden jüngst freigegeben. In einem CIA-Bericht ist bereits 1994 zu lesen: “Die kolumbianischen Sicherheitskräfte bringen weiterhin Todesschwadronen im Rahmen ihrer Aufstandsbekämpfungsstrategie zum Einsatz. Das Militär ist bekannt dafür, linksgerichtete Zivilisten in Guerilla-dominierten Regionen zu ermorden und bei Angriffen gegen mutmaßliche Guerilla-Sympathisanten mit paramilitärischen Gruppen zu kooperieren, die ins Drogengeschäft verwickelt sind, sowie dafür, gefangen genommene Kombattanten zu töten”. (Übersetzung aus dem Englischen von kolko e.V.).

Weitere Berichte stellen den Bezug zu außergerichtlichen Hinrichtungen her. Die kolumbianischen Streitkräfte stehen seit Monaten wegen zahlreicher außergerichtlicher Hinrichtungen international massiv in der Kritik. In einem weiteren jetzt freigegebenen Dokument von 1994 berichtet der damalige US-Botschafter in Kolumbien, Myles Frechette, von der “body-count”-Mentalität bei karrierebewussten Offizieren der Streitkräfte: “Offiziere, die keine aggressive Guerilla-Bekämpfung (bei der die meisten Menschenrechtsverletzungen durch das Militär auftreten) vorweisen können, haben Nachteile, wenn Beförderungen anstehen.” Das kolumbianische Menschenrechtsnetzwerk “cceeu” berichtet von 1.200 Fällen außergerichtlicher Hinrichtungen in den letzten sechs Jahren. Die kolumbianische Regierung wurde im Rahmen der Staatenüberprüfung der Vereinten Nationen in Genf vor einem Monat von vielen Staaten aufgefordert, Maßnahmen gegen die außergerichtlichen Hinrichtungen zu ergreifen. Der deutsche Vertreter hatte trotz anhaltend hoher Zahlen in erster Linie die von der kolumbianischen Regierung ergriffenen Maßnahmen begrüßt.

Glencore: Der stumme Riese (am 5. Jan. auf SF1)

04. Januar 2009

Sendung vom 5. Januar 2009, 22:20 Uhr, ECO auf SF1

Der Schweizer Grosskonzern Glencore aus Zug besitzt Bergwerke auf der ganzen Welt, dirigiert 130 Hochseeschiffe und ist einer der weltweit grössten Rohstoffhändler. In den vergangenen Jahren hat sich der Konzern vom Rohstoffhändler zum Rohstoffproduzenten weiterentwickelt. Das bringt politische und soziale Konflikte (z.B. in Kolumbien) mit sich und den öffentlichkeitsscheuen Konzern in die Schlagzeilen der internationalen Presse. «ECO-Spezial» über die Strategie, die Probleme und die Kunden der Geldmaschine Glencore.

Im Internet ist die Sendung hier zu finden.

Norte de B/Manga

10. Dezember 2008

Ende November haben wir Yolanda im Norden der Stadt besucht. In diesem Teil wohnt die Mehrheit der Bevölkerung, fast 80.000, allerdings ist es auch der ärmste Stadtteil mit einer hohen Zahl von Desplazados. Yolanda haben wir auf dem Taller in Barbosa/Medellin kennengelernt. Sie arbeitet im Rahmen des World Vision Programms, als eine von zwei “Madre comunitarias”, in dem Stadtteil. Ihre Aufgabe ist es die schwangeren Frauen und Kinder bis drei Jahren zu begleiten. Die Geschichte, die mit dem Ort an dem sie arbeitet verknüpft ist, stimmt einen nachdenklich.

Der “Club de Tiburónes” (Haifischclub) war bis 1993 eine privater Club, der von der Oberschicht Bucaramangas zur Freizeitgestaltung genutzt wurde. Das Gelände liegt an einem Hang und unter hohen Bäumen, die Schatten spenden, liegt ein großer Swimmingpool, Tennisplätze und ein Festsaal. Vor dem inneren Auge kann man sich das alles noch lebendig vorstellen. Nachdem der Club von einem Erdrutsch teilweise zerstört wurde, verkauften die Besitzer das Grundstück an die Empresa de Aseo de Bucaramanga S.A. E.S.P und langsam verfiel diese Anlage. Yolanda hat bis zum Verkauf als Sekretärin in diesem Club gearbeitet.

Im Jahr 2005, als der Club immer noch verlassen war, haben sich nach und nach Familien angesiedelt, die vor dem internen Konflikt, der in Kolumbien seit 40 Jahren herrscht, geflohen sind. Heute leben auf diesem Grundstück mehr als 200 Familien. Teilweise in den alten Gebäuden oder wie die Mehrheit in notdürftig aus Holz und Plastik zusammengezimmert Hütten. Während wir über das Gelände geführt werden, sehe ich den leeren Pool mit kleinen Häuschen drumherum. Ich versuche die Bilder, die ich in diesem Moment sehe, mit denen von der Vorstellung, wie es hier einmal ausgesehen hat, zu verbinden. Es gelingt mir nicht. Ich sehe eine Schar von Kindern, die um des Schwimmbecken laufen, Wäsche die auf Leinen im Wind flattert, irgendwo dröhnt ein Radio mit Vallenato. Bei einem Blick, den ich in einen der Räume werfen kann, sehe ich, wie die Räume noch mehrmals mit Pappe unterteilt sind.

Yolanda führt uns weiter zum “Kindergarten”. Mitlerweile arbeitet sie wieder im “Club de Tiburónes”, (madre comunitaria) diesmal jedoch in einem völlig anderen Kontext! Der Kindergarten besteht aus einem Raum in dem mindestens 30 Kinder auf dem Boden und dem einzigen Bett vor dem Fernseher sitzen.

Yolanda arbeitet schon seit einigen Jahren dort und hat sich das Vertrauen der Menschen dort erarbeitet. An fast jeder Tür bleibt sie stehen und redet kurz mit den Leuten, fragt sie wie es so geht und wünscht alles Gute. Es gibt nur eine handvoll Latrinen für diese vielen Familien und so steigen wir bei unserem Besuch über kleine Gräben, in denen die Abwässer fließen, um das Gelände näher zu betrachten. Einige Kinder sind uns gefolgt und fragen uns etwas schüchtern, ob wir was auf deutsch reden können. Als wir loslegen fangen alle an zu kichern und ich versuche diesen Moment in mir festzuhalten.

Die Situation der Desplazados in Kolumbien ist alarmierend. Mitlerweile gibt es fast 4 Mio. Vertriebene. Der Staat hilft nur sehr bedingt und oft nutzt er die Situation aus, um die Desplazados dann als Spitzel zu benutzen. Nachdem sie ihre Häuser, Tiere und ihr bisheriges vertrautes Leben hinter sich gelassen haben und in eine neue Stadt kommen, müssen sie häufig mit Vorurteilen und Ablehnung kämpfen.

Vor dem Gesetz sind die Binnenvertriebenen nicht dem Satus eines Flüchtlings zuzuordnen und fallen somit nicht unter den Schutz internationaler Konventionen. Sie trifft es sozusagen doppelt schwer. Der UNHCR ist mit einem Büro in Kolumbien vertreten und versucht sich für die Rechte der Betroffenen einzusetzen.

Auf dem Rückweg laufen wir an dem ehemaligen Festsaal vorbei, in dem mitlerweile knapp 40 Familien wohnen. Ein Bett reiht sich neben das andere und in dem einen Bett schläft eine ganze Familie. Auf dem Boden fällt dem Fotografen Andy eine alte Verpackung auf, die treffender bzw. ironischer nicht hätte sein können…

"Vive sin límites" (Lebe ohne Grenzen)

No-Violencia activa: Objeción de conciencia

03. Dezember 2008

Taller 3-4.12.2008 Bucaramanga y Piedecuesta (Colombia)

Zusammen mit einigen Leuten aus dem Red Juvenil (Medellín) sowie der Platform platohedro (Medellín) organisieren wir ein Seminar mit dem Ziel, auch in Bucaramanga eine Gruppe zum Thema Kriegsdienstverweigerung zu gründen. Der Militärdienst in Kolumbien ist obligatorisch und ziviler Ungehorsam wird schwer bestraft. “Freikaufen” kann sich nur wer die entsprechenden Mittel dazu besitzt (zwischen 300-800 Euro). Aus diesem Grund gehören die meisten Soldaten den ärmsten Schichten des Landes an. Zudem ist die Armee der sicherste Arbeitgeber.

Heute machen die Militärausgaben Kolumbiens rund 6% des Bruttoinlandproduktes (BIP) aus. Damit steht Kolumbien weltweit an der Spitze, noch vor den USA mit 4% des BIP. Im Rahmen des Plan Colombia flossen seit 2000 mehr als 5 Mrd. US-Dollar Militärhilfe an Kolumbien.

Zu dem von uns eingerichteten Blog zur Militärdienstverweigerung Bucaramanga gehts hier.

2. Exkursion mit Economía Popular

02. Dezember 2008

Kakaoplantage in der Nähe von Lebrija

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An diesem Samstag haben wir an einer weiteren Exkursion von der Abteilung Economía Popular (EP) teilgenommen. Wieder hieß es im Morgengrauen aufstehen und dann mit dem Bus zwei Stunden Richtung Norden. Wir sind mit Martha und Pablo unterwegs. Ziel dieser Exkursion ist es, einer Gruppe von Desplazados mit denen COMPROMISO zusammenarbeitet, zu demonstrieren wie sie auf ihrem Stück Land produktiver Kakao anbauen können. Dazu treffen wir mit ungefähr 12 Leuten an einer Wegkreuzung irgendwo auf dem Land und besuchen dann eine Finca, auf der seit Jahren schon sehr produktiv Kakao angebaut wird. Wir erfahren, dass bestimmte Sorten nur im Schatten gedeihen, andere widerum kann man erst nach einigen Monaten ernten. Insgesamt gibt es mehr als 6 verschiedene Sorten, die alle mit ihren ganz bestimmten Merkmalen eine kontinuierliche Ernte ermöglichen und so die Lebensgrundlage sichern. Beim Anbau wird auf Insektizide und ähnliches verzichtet, was man daran erkennt, dass es auf den Feldern Mücken und anderes Viehzeug gibt. In dem Fall nehmen wir die Stiche natürlich gerne in Kauf.

Kakao

Kakao

Im Rahmen des INCODER (Instituto Columbiano de Desarrollo Rural) erhalten die vertriebenen Bauern ein Stück Land auf dem sie eine Neuanfang beginnen können. In vielen Fällen liegen diese Flächen aber in Gebieten, in denen nach der Guerilla nun die Paramilitärs das Sagen haben. Sie fliehen sozusagen vor der Gewalt in die erneute Gewalt. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als mit den Paras zu kooperieren bzw. sie zu erdulden. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen die Bauern die Nähe zu den Paramilitärs nutzen und Anzeige erstatten. Allerdings leben sie dann in ständiger Angst einem Mordanschlag zum Opfer zu fallen.

Nach zwei Stunden, in denen wir über die Anbauflächen geführt werden, gibt es ein gemeinsames Mittagessen auf der Finca. Fleisch mit Yuca. Wir essen mit der Hand und die Frauen des Hauses bedienen uns. Ich fühle mich komisch und dreimal fragen wir sie, ob sie sich auch wirklich was vom Essen zurückbehalten haben. Die Macho-Kultur ist auf dem Land noch viel stärker ausgeprägt.

Dia de no-violencia contra la mujer

02. Dezember 2008

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Für den “Internationalen Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen” beteiligen wir uns an einer Aktion in Piedecuesta zusammen mit einer Gruppe von Interessierten und Engagierten. In einer Zusammenkunft wurde die Idee aufgeworfen einen kleinen Videobeitrag zum Thema zu erstellen.

Mit Yeimy und Magno verbringen wir mehrere Tage in Piedecuesta und drehen und schneiden erstmals. Der Beitrag basiert auf Interviews mit sechs Frauen in Piedecuesta und Bucaramanga und soll deren Lebensrealität und den Arbeitsalltag mit einem Fokus auf Gender aufzeigen (leider vorerst ohne Untertitel).

Ein positives Feedback auf den Film haben wir auf der Seite Global Voices Online erhalten.

Kein Brot für Öl

28. November 2008

Der Biosprit-Boom in Kolumbien

WDR Fernsehen, SONNTAG 30.11.2008, 16.25 - 16.55 Uhr
Wiederholung: Freitag, 5. Dezember 2008, 9.20 - 9.50 Uhr

“Ich werde die Palmen fällen, denn Palmen kann ich nicht essen!”

Maria Ligia klingt entschlossen. Sie will ihr kleines Stück Land zurückhaben und dort wieder Yucca, Reis und Bananen anbauen. Wie Tausende anderer Kleinbauern wurde sie von ihrem Grund und Boden im Westen Kolumbiens von mächtigen Unternehmern gewaltsam vertrieben - illegal, aber geduldet von der kolumbianischen Regierung.

Jetzt wollen die Bauern zurück, aber auf ihren Feldern reiht sich inzwischen Palme an Palme, soweit das Auge
reicht. „Grüne Wüste” nennen sie die riesigen Plantagen. Der größten Teil des Palmöls wird nach Europa exportiert. Von Kolumbiens größtem Verladehafen Santa Marta nehmen Frachtschiffe Kurs auf Europa.

Agrodiesel soll in Kolumbien jetzt zur Nummer Eins der Ölpalmprodukte werden

Doch der größte Boom der Palme bahnt sich grade erst an, ausgelöst vom Treibstoffdurst der Industrieländer und deren Biospritbedarf. Agrodiesel soll in Kolumbien jetzt zur Nummer Eins der Ölpalmprodukte werden, die Anbaufläche der Palmen soll sich in den nächsten Jahren noch einmal verdoppeln, so plant es die Regierung und verspricht, dass die riesigen Monokulturen der Bevölkerung Arbeitsplätze und Wohlstand, Frieden und Entwicklung bringen würden. Aber schon jetzt explodieren in Kolumbien die Lebensmittelpreise und viele der ehemaligen Kleinbauern verelenden als schlecht bezahlte Tagelöhner auf den Plantagen. „Bei uns sterben Säuglinge an Unterernährung.”, erzählt Maria Ligia aufgebracht. Wer profitiert wirklich vom Biosprit-Boom in Kolumbien - und wer bleibt auf der Strecke?

Zum Beitrag vom WDR geht es hier.

Exkursion zur Vereda San Isidro mit „Economia Popular“

19. November 2008

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Bei „Economia Popular” geht es vor allem darum, einen nachhaltigen Marktzugang für vulnerable und benachteiligte Gruppen (v.a. Bauern) zu schaffen. COMPROMISO arbeitet mit 12 Basisorganisationen zusammen, deren Ziel nicht nur der Direktverkauf von Produkten sondern auch die Stärkung der Selbstorganisation und damit des Selbstbewusstseins und der Selbständigkeit ist. Das dadurch garantierte regelmässige Einkommen hat einen positiven Einfluss auf die Ernährung, die Wohnsituation und die Bildung der Kinder. Zudem können so Versicherungen (Gesundheit, Berufsrisiken…) abgeschlossen werden, die vom Staat keineswegs garantiert sind.

COMPROMISO hilft beim Networking der beteiligten Akteure sowie bei der Suche nach einem Marktplatz und den notwendigen technischen und finanziellen Ressourcen. Zudem werden die Akteure darauf vorbereitet, sich politisch für ihre Anliegen einzusetzen.

Von einer globalen Sichtweise aus gesehen kann man das Anliegen von „Economia Popular” als eine Antwort auf die Gefahr von einem Freihandelsabkommen (TLC = Trata de Libro Comercio) mit den USA sehen. Der TLC würde als Gesetz neoliberale Reformen legalisieren und legitimieren. Während die Regierung von einem Anstieg des BIP von 6% spricht prognostizieren andere Quellen den Anstieg von Medikamentenpreisen von 45%. Dies würde die 25% der kolumbianischen Bevölkerung, welche unter der Armutsgrenze lebt umso härter treffen.

Während die USA immer davon spricht Gewalt und Kriege auf internationaler Ebene einzudämmen, so reisst sie in Tat und Wahrheit die ökonomische Macht über „unterentwickelte Länder” an sich. Aber im Ausverkauf der kolumbianischen Ressourcen sind die USA nicht die einzigen Akteure. Auch europäische Firmen sind kräftig am mitmischen. Das Prinzip ist jeweils das gleiche: Die nationale und transnationale Elite profitiert durch ihre Monopolstellung auf Kosten von Klein- und Kleinstproduzenten.

Mercored - eine von COMPROMISO geförderte Basisorganisation - setzt sich für die Entwicklung von Alternativen im Verkauf von bäuerlichen Produkten ein. Mit basisdemokratischen Mitteln sollen Abhängigkeiten reduziert und kollektive Vertriebskanäle genutzt werden um in einer globalisierten Welt zu bestehen.

Um 6 Uhr morgens treffe ich mich mit Francisco und Mauricio von der Abteilung „Economia Popular” im Stadtzentrum um an einer Exkursion mit Mercored nach Angusan teilzuhaben.

In einer Busetta durchqueren wir Bucaramanga und je weiter wir in den Norden fahren, desto ärmlicher wird die Gegend. Am Ende des Hochplateaus, worauf die Stadt gebaut ist, sind die Strassen immer seltener geteert, die Häuser schmutzig und improvisiert. Schliesslich fahren wir in das Rio Negro Tal hinunter. An der Bergflanke reihen sich jetzt die Häuser der ärmsten Bewohner der Stadt. Wenn man bedenkt, dass hier etwa 80′000 Menschen auf engstem Raum leben, nimmt man den reichen Osten der Stadt mit anderen Augen wahr. Etwas weiter unten schliesslich die Baracken aus Plastik und die Müllhalden der Desplazados (Vertriebene). Nach einer halben Stunde Fahrt steigen wir in einen Pick Up und erreichen schliesslich den Weiler Angusan auf einer Anhöhe.

In den folgenden Stunden wird den etwa 15 Anwesenden- durch einen von COMPROMISO unterstützten Agroexperten - eine Einführung in biologischer Düngung gegeben. Während schon der Sancocho über dem Holzfeuer köchelt lassen wir uns belehren, welche Vorteile die biologische Düngung für die Kleinbauern darstellen kann.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen versammelt sich die Gruppe zur Beratung der weiteren Vorgehensweise. Die Disziplin mit welcher basisdemokratisch diskutiert und abgestimmt wird ist beeindruckend. Die Konflikte, die durchaus bestehen, werden dadurch angesprochen und sogleich angegangen.